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Tatort: Bulgarien
Tanzbärin
Kalinka. Meine
gefährlichste
und teuerste
Befreiung.
Burgas
Es ist früher
Abend, als ich am Sonnenstrand bei Burgas in einer Nebenstraße die Tanzbärin
Kalinka entdecke. Ergeben läßt sie sich von ihrem Herrn am Nassenring
zum Geldverdienen führen. Ein Bild unendlicher Traurigkeit.
"Foto? Machen Foto!"
lockt Bärenbesitzer Dimitri und deutet auf Kalinka. Mir zieht es das Herz
zusammen. Weiß ich doch, wie barbarisch Tanzbären dressiert werden: Als
Babys werden sie auf glühendheiße Metallplatten gestellt, ein Tambourin spielt dazu, und das Bärchen zieht, halb wahnsinnig vor Schmerz,
die Pfötchen hoch. Doch die
Pein geht noch weiter. Mit einem glühenden Nagel werden Löcher für die
Nasenringe in die empfindliche Lefze gestochen. Nun ist das Tier vollends
an Leib und Seele gebrochen und reif zum Geldverdienen.
All
das wusste ich, und mir war klar, Dimitri das Abendgeschäft zu
zerschlagen. Es klappte: Ich hielt jeden Touristen davon ab, Fotos zu
machen oder Geld zu spenden. Entnervt und schrecklich wütend zieht er mit
Kalinka an den Strand.
Ich hinterher.
zwei Stunden lang, in denen Dimitri auf mich einschimpfte und drohte.
Kalinka und ich konnten kaum mehr laufen, Es wird dunkel, der Strand geht
zur Neige, keine Restaurants, keine Menschen, keine Hotels. Ich bleibe
stehen, sehe keinen Sinn mehr in der Verfolgung. Da bleibt auch Dimitri
stehen und lockt mit samtener Stimme: `Komm, Frau, komm´. Doch ich fühle
eine Bedrohung und marschiere den ganzen Weg zurück ins Zentrum.
Ich schwor mir, die Tanzbärin Kalinka zu retten. Noch ahnte ich nicht,
was ich am nächsten Tag sehen würde.
Am nächsten Morgen lasse ich mich von Taxifahrer Jani zur Windmühle, in
den Wald, fahren, wo die Zigeuner leben sollen. Jani weigert sich
zunächst, schließlich fährt er mich, bleibt aber am Waldrand stehen und
sieht mir mit verschränkten Armen nach, wie ich im Wald verschwinde. Schon
kommen mir die ersten Kinder, Gänse und Hunde entgegen. Und Männer, viele
Männer. Sie umkreisen mich wortlos, sehen mich nur an. Überaus feindselig.
Ganz offensichtlich hat Dimitri von der deutschen Frau erzählt. Ich frage
nach dem Bär. `Nix Bär!' ist die klare und einzige Antwort.
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Die Atmosphäre ist hoch explosiv. Da geschieht ein Wunder. Ein kleines Mädchen
kommt auf mich zu, nimmt meine Hand und zieht mich in den Wald hinein-
direkt zu Kalinka. Instinktiv hebe ich die Kamera und kann gerade ein
einziges Foto schießen, als ein Zigeuner auf mich zustürmt und sie mir
aus der Hand reißen will. Wütend gehe ich auf ihn zu, schreie ihn an: `Fass
meine Kamera nicht an´. Tatsächlich lässt mich der Mann erschrocken in
Ruhe. Doch eine zweite Aufnahme hätte ich nicht riskieren dürfen.
Ich sehe Kalinka. Am Boden liegend, mit ihrem Nasenring am Baum
angekettet. Vor sich eine umgefallene Blechschüssel. Und dann der nächste
Schock: Ein paar Meter weiter entdecke ich zwei weitere Bären: Marianna
und Stefan.
Beim
zuständigen Bürgermeister erkundige ich mich über die bulgarische Rechtslage
und erfahre,
dass es
seit Monaten ein Gesetz gibt, wonach Affen, Schlangen und Tanzbären nicht
mehr öffentlich auftreten dürfen. Ich hätte also eine gesetzliche
Handhabe. Doch wohin mit den Bären, sollten sie beschlagnahmt werden?
Am nächsten Morgen kehre ich mit meiner Dolmetscherin Maria zu den
Zigeunern in den Wald zurück. Zunächst war ich unwillkommen, doch nach
signalisierten Kaufverhandlungen kam eine abenteuerliche Basar-Technik
auf. Vom ursprünglich geforderten Kaufpreis von 1 Million (!) DM einigten
wir uns schließlich realistisch auf
30.000 DM pro Bär. |
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Das war die Basis, die ich im Gepäck bei meinem Rückflug nach
Deutschland hatte. Ich machte die halbe Welt verrückt nach einem platz für
meine Bären. Doch kein Zoo, kein Wildtierpark wollte sie haben. Schließlich
war eine Wiener Tierschutzorganisation von meinen Bildern und der Thematik
so angetan, dass sie blitzschnell das Weihnachts-Mailing diesen Tanzbären
widmete, um so an Spenden für
ein ins Auge gefasstes Bärenschutz-Zentrum zu gelangen.
Zusammen mit Tierarzt Amir Khalil flog ich zur bulgarischen
Umweltministerin Dr. Evdokia Meneva nach Sofia, die eine Genehmigung für ein Tanzbären-Reservat
signalisierte.
Die größte bulgarische Tageszeitung, "24 Stunden", berichtete über
mein Engagement, und bereits kurze Zeit später wurde ein geeignetes, naturbelassenes Grundstück gefunden, die Verträge juristisch unter Dach
und Fach gebracht und im Frühjahr 2000 mit dem Bau des ersten Tanzbären-Zentrums
in Bulgarien begonnen.
Im November 2000 konnten Kalinka, Marianna und Stefan in das für sie
erschaffene Reservat in
Belitza einziehen. Ich hoffe sehr, dass noch viele Tanzbären aus
Bulgarien - an die 70 soll es noch in diesem Land geben- hier ihren
leidensfreien Lebensabend verbringen können.
So entstand aus einer nächtlichen Begegnung mit der Tanzbärin Kakinka
ein Bären-Refugium.
Das
macht mich unendlich glücklich. |